Reformationsjubiläum

C. Grundsatzpapier

Evangelisch Kirche sein

500 Jahre Reformation

I. Ein Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung
1 Die Reformation ist ein Ereignis von
weltgeschichtlicher Bedeutung. Im Kern
ging es um eine neue befreiende Erfahrung
des Evangeliums von Jesus Christus, wie
es in der Bibel bezeugt ist. Sie führte zu ei-
ner neuen Bestimmung des Verhältnisses
des Menschen zu Gott, zu sich selbst, zu
den Mitmenschen und zur Welt. Die Refor-
mation beschränkte sich nicht allein auf das
Bemühen, die Kirche von Grund auf zu er-
neuern, sondern sie war ein kirchlich-
gesellschaftlicher und geistiger Aufbruch
mit weltweiter Ausstrahlung bis heute. Die
von ihr ausgehenden Impulse und prägen-
den Veränderungen erstrecken sich auf alle
Lebensbereiche, auf Politik und Wirtschaft,
auf das soziale und private Leben, auf
Kunst, Wissenschaft und Kultur.

2 Wir erinnern uns an den 31. Oktober
1517 und Martin Luthers 95 Thesen gegen
den Ablass. Mit dem Beginn der Reformati-
on in Wittenberg wurde ein umfassender,
europaweiter Reformprozess in Kirche und
Gesellschaft gebündelt. Dieser Reformpro-
zess hatte bereits davor begonnen, dafür
stehen exemplarisch Petrus Valdes im 13.
Jahrhundert und Jan Hus, der am 6. Juli
1415 am Konzil von Konstanz (1414–1418)
verbrannt wurde. Die Reformation hat ver-
schiedene Ausprägungen erfahren, die mit
den Namen Martin Luther, Ulrich Zwingli,
Johannes Calvin und vieler weiterer Män-
ner und Frauen verbunden sind und sich
letztlich in der Bildung unterschiedlicher
Konfessionen (lutherisch, reformiert) nie-
dergeschlagen haben.

Der Reformprozess war in ganz Europa,
auch im heutigen Österreich, in vielfältigen
Formen aufgebrochen, wobei insbesondere
auch an die Täuferbewegung zu erinnern
ist. Spätere Auswirkungen dieses grundle-
genden Reformimpulses ermöglichten die
Entstehung der methodistischen Bewegung
durch John Wesley in England.

3 Aus diesem Grund bedenken und feiern
die drei Evangelischen Kirchen in Öster-
reich das Reformationsjubiläum 2017 ge-
meinsam. Es sind dies die Evangelische
Kirche A.B., die Evangelische Kirche H.B.
und die Evangelisch methodistische Kirche.
Gemeinsam mit den Evangelischen Kirchen
weltweit wollen sie bedenken, was aus der
reformatorischen Erneuerung der Kirche für
die Zukunft und das Miteinander der christ-
lichen Kirchen folgt. Darüber hinaus laden
sie die gesamte Öffentlichkeit zum Dialog
über die gesellschaftlichen und kulturellen
Impulse der Reformation für die gemeinsam
zu gestaltende Zukunft ein.

II. Die Aktualität der reformatorischen Glaubensbotschaft

4 Das Reformationsjubiläum beschränkt
sich nicht auf eine Rückschau. Im Zentrum
steht die Frage nach den zentralen Inhalten
der reformatorischen Glaubensbotschaft
und ihren Konsequenzen für die Menschen
in Kirche und Gesellschaft heute und in Zu-
kunft.

5 Zum Kern der reformatorischen Glau-
bensbotschaft gehört die Erkenntnis, dass
der Mensch von Gott allein in Jesus Chris-
tus (solus Christus), allein durch die Gnade
(sola gratia) und allein durch den Glauben
(sola fide) eine unbedingte Anerkennung
(Rechtfertigung) erfährt. Damit werden
Identität und Wert der individuellen Person
unabhängig von natürlicher Ausstattung,
gesellschaftlicher Stellung, individuellem
Vermögen und religiöser Leistung begrün-
det.

6 Die reformatorische Glaubensbotschaft
ist eine Botschaft der Freiheit. Martin Luther
hat dies in seiner Schrift „Von der Freiheit
eines Christenmenschen“ (1520) begründet
und entfaltet. Evangelische Kirchen bringen
dieses Freiheitspotential zur Geltung, in-
dem sie für Menschen heute befreiend und
sinnstiftend von Gott reden. In der Feier der
Gottesdienste und in der Zuwendung zu
den Menschen eröffnen sie eine Gemein-
schaft, in der in den aktuellen Orien tie-
rungsproblemen und Zukunftsängsten der
Wert und die Würde des von Gott geliebten
Menschen an oberster Stelle stehen.

7 Diese Freiheit des von Gott anerkannten
und geliebten Menschen hat Auswirkungen
auf das Verständnis und die Gestalt von
Kirche. Im Sinne des „Priestertums aller
Gläubigen“ sind Evangelische Kirchen nicht
hierarchisch, sondern als Gemeinschaft al-
ler ihrer Glieder nach dem presbyterial-
synodalen Prinzip aufgebaut. Auf der
Grundlage der Bibel bedeutet das für
Evangelische Kirchen heute die Gleichbe-
rechtigung von Frauen und Männern in al-
len kirchlichen Ämtern, die demokratische
Entscheidungsfindung durch Wahlen und
das paritätische Zusammenwirken aller in
kirchliche Ämter Berufenen ohne Überord-
nung von Pfarrern und Pfarrerinnen.

8 Das reformatorische Prinzip der grund-
legenden Gleichheit hatte auch Einfluss auf
die Entstehung der Demokratie und die
Entstehung der Menschenrechte, wie die
Entwicklung in protestantisch geprägten
Ländern (z. B. durch Roger Williams 1636
in Rhode Island, die Virginia Declaration of
Rights 1776 oder die Declaration of Inde-
pendence der USA von 1776) zeigt. Evan-
gelische Kirchen in Österreich treten für die
Anliegen von Demokratie und Menschen-
rechten auf regionaler, nationaler, europäi-
scher und globaler Ebene ein. Sie ermuti-
gen ihre Mitglieder, Verantwortung für das
Zusammenleben der Menschen wahrzu-
nehmen, sich für die Festigung und Weiter-
entwicklung demokratischer Strukturen in
allen Bereichen des politischen Lebens ak-
tiv einzusetzen und dabei die politische
Auseinandersetzung nicht zu scheuen.

9 Die Freiheit des Christenmenschen und
die Unmittelbarkeit, in der die Person vor
Gott steht, begründet die Mündigkeit des
Christen/der Christin. Dazu gehört, dass er/
sie versteht, was geglaubt wird. Glaube soll
gebildeter Glaube sein. Dabei kommt der
Bibel als einziger Quelle für den Glauben
eine herausragende Bedeutung zu (sola
scriptura). Evangelische Kirchen wissen
sich dem Bildungsanspruch der Reformati-
on verpflichtet. Diese Mündigkeit aus Glau-
ben verbindet sich mit dem Grundanliegen
der Aufklärung, dem „Ausgang des Men-
schen aus seiner selbstverschuldeten Un-
mündigkeit“ (Immanuel Kant). Evangelische
Kirchen stehen in kritisch-produktiver Aus-
einandersetzung der Aufklärung, der Mo-
derne und den heutigen gesellschaftlichen
Herausforderungen grundsätzlich positiv
gegenüber.

10 Die Freiheit des Christenmenschen
verwirklicht sich in der Bereitschaft, Ver-
antwortung zu übernehmen. Das Evangeli-
um soll im Leben des Menschen Gestalt
gewinnen, Glaube soll gelebter Glaube
sein. Die in Jesus Christus geschenkte
Gemeinschaft mit Gott wandelt das Leben
von Grund auf (Heiligung). Aus „fröhlichem
Glauben“ (Martin Luther) wendet sich der
befreite Christenmensch dem Nächsten
und der Welt zu. Reformatorische Impulse
beeinflussen die soziale Verantwortung der
Gesellschaften und legen Grundlinien für
ein sozial und ökologisch verantwortetes
Wirtschaften. Evangelische Kirchen sind di-
akonische Kirchen, die sich der Nöte der
Menschen annehmen, für soziale Gerech-
tigkeit eintreten und ihre Stimme für Ge-
rechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der
Schöpfung erheben.

III. Das Reformationsjubiläum und die Ökumene

11 Zum Reformationsjubiläum 2017 ge-
hört die ökumenische Perspektive. Das Ziel
der Reformation war die Erneuerung der
einen Kirche Jesu Christi. 500 Jahre Re-
formation fordern die gesamte Christenheit
dazu auf, über alle konfessionellen Gren-
zen und Differenzen hinweg nach der Be-
deutung der Reformation für die „eine, hei-
lige, katholische und apostolische Kirche“
zu fragen.

12 Die Evangelischen Kirchen laden die-
jenigen Kirchen, die sich ebenfalls auf re-
formatorische Bewegungen zurückführen
und mit denen sie in ökumenischer Ver-
bundenheit stehen, zum gemeinsamen Ge-
denken der Reformation ein. Diese Einla-
dung gilt vor allem dem Bund der Baptis-
tengemeinden in Österreich und dem Bund
der Mennonitischen Freikirche in Öster-
reich.

13 Die Reformatoren wollten die eine Kir-
che auf der Grundlage des wiederentdeck-
ten Evangeliums erneuern. Es ging ihnen
um die Rückbesinnung der einen, heiligen,
katholischen und apostolischen Kirche auf
ihre biblischen Grundlagen. Entgegen die-
ser Absicht führte die historische Entwick-
lung zum Entstehen verschiedener Konfes-
sionen und zu schmerzhaften Spaltungen.
Die Erinnerung an diese Entwicklung
schließt für Evangelische Kirchen die
Selbstkritik ein. Das Streben nach Einheit
und nach der Überwindung der Trennungen
gehört für sie zum bleibenden Auftrag. Da-
her dient das Reformationsjubiläum der
Klärung und Profilierung der christlichen
Botschaft in ihrer reformatorischen Entfal-
tung ohne konfessionalistische Verengung.

14 So ist die Reformation mit zur Ursache
für ein religiös vielfältiges Europa gewor-
den. Daraus erwächst heute die Verpflich-
tung, den eigenen Glauben einladend zu
bezeugen und sich für Religionsfreiheit und
ein friedliches Zusammenleben verschie-
dener Wahrheitsansprüche auf der Grund-
lage der Menschenrechte, getragen von
gegenseitiger Toleranz und gegenseitigem
Respekt, einzusetzen.

15 Die ökumenische Ausrichtung des Re-
formationsjubiläums betrifft insbesondere
das Verhältnis zur Römisch-Katholischen
Kirche. Ihre Entwicklung wurde durch die
Reformation mitbestimmt. Dabei spannt
sich ein Bogen von der ausdrücklichen Ab-
grenzung, wie beim Konzil von Trient
(1545–1563), bis hin zur Aufnahme zahlrei-
cher evangelischer Anliegen, wie beim
Zweiten Vatikanum (1962–1965). Die Fra-
gen nach der Verkündigung des Evangeli-
ums heute und der notwendigen Erneue-
rung der Kirche (ecclesia semper refor-
manda) sind ein gemeinsames Anliegen
der Ökumene.

Die Evangelischen Kirchen laden ein, an-
lässlich des Reformationsjubiläums diesen
Fragen gemeinsam nachzugehen.

IV. Gemeinsam auf dem Weg zum Re-
formationsjubiläum 2017

16 Evangelische Kirchen bedenken und
feiern gemeinsam das Reformationsjubilä-
um 2017. Wir wollen sichtbar machen, was
Evangelische für Österreich in allen gesell-
schaftlichen Bereichen beigetragen haben
und beitragen. Nach Jahrhunderten der Un-
terdrückung gehören Evangelische Kirchen
zum heutigen Österreich als freie Kirchen in
einem freien Staat. Sie bringen sich heute
und in Zukunft auf der Grundlage ihres
Glaubens für ein friedliches und gerechtes
Zusammenleben ein. Daher freuen wir uns
über das Interesse an Geschichte und Le-
ben der Evangelischen Kirchen und alle
Formen der Kooperation zur Gestaltung
des Reformationsjubiläums in der Öffent-
lichkeit.

17 Als Evangelische Kirchen in Öster-
reich sind wir dankbar für das ökumenische
Miteinander der christlichen Kirchen in un-
serem Land. Daher laden wir alle Kirchen
der Ökumene ein, das Reformationsjubilä-
um mit uns zu begehen. Gemeinsam sind
wir beauftragt, den Menschen in der Welt
von heute das Evangelium, die Botschaft
von der Versöhnung, zu verkündigen.

18 Evangelische Kirchen gestalten den
Weg zum Jahr 2017 durch Schwerpunkte,
die sie dem reformatorischen Aufbruch ver-
danken. Im Jahr 2013 ist dies der diakoni-
sche Auftrag der Kirche, im Jahr 2015 das
Anliegen der Bildung und 2017 werden die
Evangelischen Kirchen die befreiende Kraft
des Glaubens ins Zentrum stellen. So wol-
len sie das Reformationsjubiläum feiern, in
Freiheit und Verantwortung, zum Wohl der
Menschen und zum Lob Gottes.