Reformationsempfang

Eröffnung der Husausstellung und Vortrag von Ladislav Benes beim Reformationsjubiläum am 31. Oktober 2015

Mit einem Publikum von über 60 aufmerksamen, ökumenisch zusammengesetzten Teilnehmenden wurde am Reformationstag in der evangelischen Pfarrgemeinde Dornbirn ein Reformationsempfang gefeiert, an dem die Gemeinde vor allem des Reformators Jan Hus gedachte. Obwohl er freies Geleit zugesichert bekam, wurde Jan Hus der Prozess gemacht und am 6. Juli 2015 vom Konzil zu Konstanz als Ketzer verbrannt; seine Lehre aber widerrief er nicht! Der Universitätsprofessor hatte in seiner Schrift „de ecclesia“ nicht nur die These vertreten, dass John Wicliff recht zu geben sei und die erfahrbare Kirche weit hinter den Ansprüchen der unsichtbaren Kirche zurückbleibe. Er hatte darüber hinaus mit scharfen die kirchlichen Misstände gegeißelt: die Priester vergriffen sich an den Armen, selbst die Bettelorden fügten mit ihrem Ämteschacher und Pfründehandel dem Kirchenvolk mehr Schaden zu, als ihm zu dienen. Statt dessen lehrte Hus die Remanenz und forderte das Abendmahl in beiderlei Gestalt zu feiern (Laienkelch), Gottes Willen und vor allem die Wahrheit in Jesus Christus in den Mittelpunkt zu stellen und ließ allein das Wort Gottes und den Glauben an Christus als Mittelpunkt der Kirche gelten.

In seinem Vortrag „Die Wahrheit kann man nicht verbrennen“, hielt Dr. Ladislav Benes (Universität Prag) fest, dass Hus wohl über den Hussitischen Kriegen, die seine Verbrennung ausgelöst hatte, vergessen worden wäre, wenn nicht Luther selbst ihn immer neu in Erinnerung rief („wir waren unbewusst immer Hussiten“).
Es bleibt die Fahne über dem Präsidentenpalast in Prag, auf der immer noch das Motto von Jan Hus steht („die Wahrheit siegt“) und uns die Erinnerung daran, dass ohne Dialog Religion grausam und fundamentalistisch wird.

Mit einem sehr dialogfreudigen Publikum kam der Referent schließlich in ein spannendes Gespräch, das bei einigen exquisiten Leckereien (auch mit Topfenkolatschen) und einem Gläschen Wein ein offenes Ende hatte. Bücher vom Büchertisch wurden verkauft, ein reger Austausch in fröhlicher Runde beschloss einen interessanten Abend.

Michael Meyer

Der Vortrag von Ladislav Benes kann hier nachgelesen werden:

Wahrheit kann man nicht verbrennen. 600 Jahre nach der Verbrennung von Jan Hus.
Dornbirn, 31.10.2015, 19:00 Uhr
Ladislav Benes, Dr., Evangelisch-Theologische Fakultät der Karlsuniversität in Prag

Man kann kaum genug würdigen, dass die Ausstellung zu Jan Hus und dem Konstanzer Konzil gerade am Reformationstag eröffnet wird. Sicher führten dazu verschiedene Gründe. Ich möchte nur eins sagen: Ich verstehe es als eine Position, die im deutschsprachigen Raum nicht immer selbstverständlich war. Es wurde nämlich in der Geschichtsschreibung ganz viel Tinte verbraucht, um nachzuweisen (oder zu widerlegen), welche Beziehung Hus und das Hussitentum zur europäischen Reformation haben. Geht es in seinem Fall „nur um Vorreformation“, oder um „nur eine Reform“? War es nicht eigentlich nur eine von den vielen mittelalterlichen Ketzerbewegungen? Und – inwiefern war Hus überhaupt originell und nicht nur ein Nachahmer von dem wirklich originellen englischen Denker John Wyclif (ca. 1320-1384), dem Hus in der Tat seine intensive Aufmerksamkeit schenkt? Ich denke, am besten bringen diese Problematik zum Ausdruck die Worte von Margot Kässman („Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“, wie ihr Titel offiziell heißt), wie sie in dem Begleittext auf der Webseite Ihrer Gemeinde zu dieser Ausstellung zu lesen sind. Dort wird sie folgendermaßen zitiert: „Hus zähle neben Martin Luther und Johannes Calvin zu den bedeutendsten Persönlichkeiten der Reformationszeit. Die Reformation sei eine Erneuerungsbewegung gewesen, die von vielen getragen worden sei und schon im 15. Jahrhundert begonnen habe. …Reformation werde “als Prozess erkennbar, der lange vor Luther und seinen Mitstreitern begann und bis heute fortdauert”.“

Der Titel meines Vortrages „Wahrheit kann man nicht verbrennen“ ist nicht gerade neu. Unter einem ähnlichen Motto fand in diesem Jahr eine ganze Reihe von Veranstaltungen statt, an denen sich die Karlsuniversität in Prag beteiligte. Auf diese Weise wollte die Universität einen von ihren berühmtesten Rektoren ehren. In den Statuten der Universität lesen wir bis heute den Satz, dass die Universität verpflichtet ist, der Wahrheit zu dienen.

Es ist in der Tat so: Das Konzil wollte durch die Verbrennung von Jan Hus die Gedanken zur Reform der Kirche und Gesellschaft zum Schweigen bringen – und ein für alle Mal erledigen. Aber gerade dadurch entzündete das Konzil eine ganze Bewegung, zu dessen Erben wir uns noch heute stolz bekennen. Sehr oft wurde diese Symbolik der Flammen und des Lichtes benützt, um die ganze Paradoxie des Versuches zu zeigen, die Wahrheit mit Macht und Gewalt zu unterdrücken, was zum Gegenteil führte. Es fanden sich immer neue Nachfolger von Jan Hus, bis sie nicht ganze 20 Jahre nach seinem Tode, ein anderes Konzil (in Basel) als Teil der Kirche anerkannte und das Abendmahl unter beiderlei Gestalt (sub utraque) genehmigte. Dann haben sich Reformatoren wie Luther zu Hus bekannt, und schließlich haben die letzten Päpste angedeutet, dass man Hus unter die Reformatoren der Kirche zählen dürfe. Das alles deutet an, dass die Gedanken von Jan Hus wirklich nicht einfach durch die Flammen in Konstanz vor 600 Jahren „weggeschafft“, erledigt werden konnten. Unsere Versammlung heute und hier ist auch ein Zeichen davon.

Auch wenn die Ausstellung einige Daten aus dem Leben von Jan Hus erwähnt, ebenso die Ereignisse, die zur Verurteilung führten und nach seinem Tode folgten, darf ich hoffentlich einige Sachen noch zur Erinnerung bringen.

Jan Hus wurde um 1371 in Südböhmen geboren. Während des Studiums in Prag wird er von der Lehre des Oxforder Professors John Wyclif (ca. 1330-1384), der nach seinem Tode als Ketzer verurteil wurde, sehr beeindruckt. Seine radikalen Gedanken zur Reform der Kirche mit der Betonung der Kirche als Volk Gottes, mit der Kritik der hierarchisch verwalteten Kirche und mit dem Thema der Erwählung (Prädestination) haben damals nicht nur Hus, sondern einen großen Teil der Universität und viele andere wirklich inspiriert. Im Jahre 1401 wurde Hus zum Prediger in der Bethlehemskapelle ernannt. Die Bethlehemskapelle gilt bis heute als das Symbol des Hussitentums und der Reformation in Tschechien. Sie wurde 1391 gegründet als der Ort, wo nur gepredigt werden soll, und zwar für die breitesten Volkschichten in ihrer Muttersprache. Die Predigt in der Volksprache war sehr wichtig für die tschechische vorhussitische Reformbewegung (z.B. Milíč z Kroměříže). Zu der Zeit, als Jan Hus der Rektor der Bethlehemskapelle war, wurden die Predigten für das Volk zunehmend mit den Reformtheologen an der Universität verbunden. Diese Verbindung der Universität und der Öffentlichkeit durch die Predigttätigkeit ermöglichte die tiefe Verwurzelung der neuen Reformbewegung nicht nur in den intellektuellen Kreisen, sondern ebenso in den breitesten Volksschichten und machte sie zur gesamtgesellschaftlichen Bewegung.

Jan Hus kritisiert in seinen Predigten vor allem die schlechte Moral des Klerus, Geschäfte mit kirchlichen Ämtern, Geldgier und ebenso den ganzen Ablasshandel der Kirche. Für diese Kritik an den kirchlichen Verhältnissen wurde Jan Hus 1410 die Predigttätigkeit verboten und ab 1411 wurde mit dem Kirchenbann belegt. Die Situation verschärft sich, als Hus den Kirchenbann mit folgender Begründung nicht anerkennt: wie können diejenigen Priester über die Rechtgläubigkeit entscheiden, die selbst in Sünde leben? Sind nicht zwei Päpste ein Zeichen der Sünde an oberster Stelle?
Im Oktober 1412 wurde der Kirchenbann noch verschärft – niemand mehr darf dem Ketzer helfen, mit ihm im Kontakt sein; man darf ihm nicht einmal mehr Essen und Trinken reichen. Hus empfand das ungerecht. Er wurde verurteilt, zum Schweigen gebracht, ohne dass jemals jemand aus Rom mit ihm über die von ihm erkannte Wahrheit diskutiert hätte, ohne je gefragt worden zu sein, ohne je einen Dialog geführt zu haben. Nur die Verurteilung wurde geschickt. Und so schreibt er eine seiner bekanntesten Schriften, seine Appellation an Jesus Christus, die Berufung „auf den allergerechtesten Richter“. Worum es ging?

Die vorgetragenen Beschuldigungen des Kirchenbannes kristallisierten um einige Punkte, die alle letzten Endes in die Frage des unmittelbaren Gehorsams Christus gegenüber mündeten. So wurde Hus vorgeworfen, er gebe den Laien das Recht von der Schrifterkenntnis her die Verordnungen ihrer Vorgesetzten auf ihre Legitimität zu prüfen; er bestehe auf der Forderung, das Wort Gottes in der Muttersprache zu verkündigen und verlange, die Hierarchen sollten der Volkssprache kundig sein. Damit die Sprache wirklich Volksprache wird, hat Hus eine gründliche Revision der tschechischen Sprache durchgeführt. Ganz besonders wurde Hus dafür angefeindet, dass er, obzwar im Kirchenbann, nicht zu predigen aufhörte und nun sogar den sogenannten heiligen Krieg als unchristlich zurückwies und dem Ablasshandel jede Unterstützung verweigerte. Mit der Begründung: die Sünden kann nur Gott vergeben, sodass dieses nicht mit Geldern oder durch irgendwelche guten Werke zu erreichen sei. Und dass der Ertrag von den Ablässen zur Finanzierung des Krieges gegen Königtum Neapel beitragen sollte, lehnte Hus strikt ab: Man könne nicht einen Krieg gegen andere Christen befürworten.

Man muss sich vorstellen, dass diese Beschuldigungen keineswegs nur vielleicht Korrekturen der damaligen Kirche bedeuteten, wie wir sie aus vielen mittelalterlichen Reformbewegungen kennen, sondern es ging hier um die Erschütterung der Fundamente der ganzen Institution Kirche, was natürlich folgenschwere gesellschaftliche Konsequenzen hatte. Es ging um nichts weniger, als eben um die Frage der Wahrheit und Freiheit und darum, dass die kirchlichen Institutionen keine Macht über das Gewissen der Menschen ausüben dürfen. Kirchen dürfen nicht regieren, sondern den anderen nur dienen. Das waren eben die Momente, in denen ein Jahrhundert später Martin Luther bei der Leipziger Disputation 1519 Jan Hus als Mitstreiter erkannte und sich freute, dass er im geschichtlichen Prozess der Reformation gar nicht so einsam war, wie er zuvor dachte und ließ sich Hussens Schriften aus Prag schicken.

Am Tage der Verlautbarung des Kirchenbannes gegen seine Person (18.10.1412), ließ Hus an den Türen des Prager Brückentors seine Anrufung an Jesus Christus anschlagen (ein Türanschlag im Oktober, ganz so wie später bei Luther). Eine rechtliche Appellation bei einer Instanz, die dem kanonischen Recht völlig unbekannt war: „An Jesus Christus, den allergerechtesten Richter, der da kennt, verteidigt und richtet, verkündigt und völlig lohnt eines jeden gerechte Streitsache“. Nachdem alle gesetzlichen Instanzen versagten, kommt die wirklich Höchste Instanz. In seiner Appellation erwähnt er andere Kirchenmänner, die wie er an Christus appellierten, unter anderem Johannes Chrysostomos. Sie sollen die theologische Legitimität der Berufung „vom Papst zum allergerechtesten Richter, der sich nicht durch falsche Zeugen betrügen lässt“ stützen. Doch das entscheidendste Beispiel fand Hus bei Christus selbst: „Christus Jesus, wahrer Gott und wahrer Mensch, in Seelenangst gestürzt von den Hohepriestern, Schriftgelehrten und Priestern, widerrechtlichen Richtern und Zeugen, wollte als Sohn Gottes durch seinen entsetzlichen und schmählichen Tod von der Verdammnis die Auserwählten Gottes erlösen…und hinterließ seinen Nachfolgern als Mahnung dieses herrliche Beispiel, nämlich ihre Sache dem Herrn anzuvertrauen…“ Eben weil wir das Ende von Hus kennen, sind wir immer geneigt, ihn als einen romantischen Märtyrer anzusehen. Dem widerspricht Hus selbst entschieden. Als ihm wirklich Tod drohte, zog er weg aus Prag nach Südböhmen. Er will die im Evangelium Christi erkannte Wahrheit als die letzte Autorität gegen die falschen Autoritäten der Hierarchie und des Konzils stellen. Charakteristisch ist der Kampf gegen den Ablasshandel, den als Gotteslästerung bezeichnet, insbesondere mit den sozialen Folgen dieses Geschäftes (= wachsende Armut). Denn die Macht der Vergebung besteht allein in Christus als Haupt der Kirche. Und wenn sich der Papst oder die Kirche die Jurisdiktion über die Vergebung aneignet, dann gefährdet das die Ehre Gottes – und führt einfache Leute in Irrtum.

Unmittelbar nach den dramatischen Ereignissen, die zu einer Hinrichtung von drei jungen Männern in Prag führten, verlässt Hus die Stadt. Seit dem lebt er auf dem Lande und sehr intensiv arbeitet er an seinen Schriften. Die bekannteste und wichtigste Schrift, die dann später auch Martin Luther so eminent interessierte, ist das Werk „Von der Kirche“, De Ecclesia (1413). Und die Postille, die Sammlung von tschechisch geschriebenen Predigten auf alle Sonntage des Jahres.

Mitten im Oktober 1414 macht sich Hus mit ein paar Begleitern auf die Reise nach Konstanz, um hier – wie er überzeugt war – seine Positionen zu erklären und gelehrte Disputationen von der Wahrheit, die er in der heiligen Schrift erkannte, zu führen. Und ebenso um sich von allen falschen Beschuldigungen, sowie vom Vorwurf der Ketzerei zu reinigen. Nein, er war nicht so naiv, dass er nicht geahnt hätte, dass die ganze Sache auch ganz gefährlich sein könnte. Aber davon war er fest überzeugt, dass die Wahrheit, die er erkannte und zu der er sich mit seiner ganzen Existenz bekannte, und die so ein großes Echo in seinem Lande unter den einfachen Menschen und auch an der Universität fand, diese Wahrheit konnte und musste er auch vor dem Konzil erklären und verteidigen.

Es geht also um die Wahrheit. Das Konzil hat ihm angeboten, was ihm noch zu Hause viele auch rieten: die Wahrheit zu leugnen, die Lehre zu widerrufen und es wäre alles wieder in Ordnung gewesen. Nein, das wollte und konnte Jan Hus nicht, das wiederspräche seinem Wahrheitsverständnis. Für Hus ging es nicht um ein paar Worte, die man vielleicht auch anders sagen könnte, sondern es ging um nichts weniger als Heil der Menschen, der Welt und Verantwortung vor Gott. Und das durfte er nicht verraten.

Also – Wahrheit. Mit dem Thema Wahrheit ist ja Magister Jan Hus am engsten verbunden. In jedem tschechischen Geschichtslehrbuch könnten wir den Satz lesen: Er hat für Wahrheit gelebt und für die Wahrheit ist er verstorben. Wie hat er also Wahrheit verstanden? Einer der meist zitierten Sätzen von Jan Hus ist derjenige aus dem Johannesevangelium (8,32): “Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.” Kurz gesagt, für Hus ist die Wahrheit mit der Person und dem Werk Jesu Christi identisch. Wir können diese Wahrheit mit unserer Vernunft erkennen (aus der Schrift), aber die Wahrheit selbst übersteigt unsere Erkenntnis, ist mehr, als wir erkennen. So wie Gott grösser als unsere Vernunft ist. Aber Christus, der als Mensch gekommen ist, ermöglicht uns zu erkennen, was die Wahrheit Gottes ist: in der Geschichte Jesu, in seinem Dienst, in seiner Solidarität mit den Armen, in seinem Opfer. Dadurch hat er uns gezeigt, wie die Wahrheit zu verstehen sei: Eben als Dienst und Bereitschaft zum Opfer für die Nächsten und die Sünde der Welt. So kann man die Wahrheit über Gott nicht von den ethischen Folgen trennen. Aus diesem Grunde ist der Begriff Wahrheit mit einem anderen Begriff parallel, nämlich mit dem vom Gesetz Gottes. Wenn wir nämlich Christus erkannt hätten und dabei ihm nicht nachfolgten, weil wir es z.B. nicht für nötig oder für unmöglich hielten, bedeutete das, dass wir Gott selbst für einen Lügner halten. Die Sorge darum, dass eben diese Wahrheit nicht geschmäht werden darf, führte Hus nach Konstanz. Um das Konzil von dieser Wahrheit zu überzeugen. Denn er sieht eben die vielen Missstände in der Kirche – Reichtum, Machtsucht der Kirche, zwei, dann auch drei Päpste, Ablasshandel usw. Es gelingt ihm nicht einmal die Kirche in seinem Lande und den eigenen König zu überzeugen. Und nicht nur einmal hatte er den Gedanken geäußert: wenn die Wahrheit nicht wahrgenommen werde und nichts bewirke, die Wahrheit werde dadurch sehr leiden, wie der Herr selbst. Aber sie werde dadurch nicht besiegt. Denn: Die Wahrheit Gottes siegt.

Jan Hus weiß: wir Menschen können auch irren. Diese Wahrheit ist eben nicht unser Eigentum, auch der Kirche und des Papstes nicht. Sie ist außerhalb und oberhalb unserer Manipulationen und Verfügung. Hus hatte direkt vor Augen in der Realität der damaligen Kirche und Welt, wie die Wahrheit zum Schweigen gebracht werden kann, ausgelacht und mit Gewalt bezwungen. In letzten Jahren hatte er geahnt, dass sein Leben selbst sehr unsicher geworden war. Aber immer wieder argumentiert er mit dem Beispiel Jesu: auch er wurde zum Schweigen gebracht, sogar getötet. Aber dennoch hatte gerade er bei Gott Gnade gefunden, wurde von den Toten auferweckt. Die Wahrheit Gottes hat gesiegt.

Und wie erkennen wir diese Wahrheit? Nun, die Antwort gehört zu den Pfeilern der Reformation: die einzige Erkenntnisquelle ist die Schrift. Auch für Hus. Für ihn war die Schrift eine Quelle der Freiheit. Manchmal denken wir, die Schrift ist ein hartes Gesetz, das uns schnürt und bedrückt, uns in unserer Freiheit beschränkt. Nicht so für Hus. Weil die Schrift sozusagen außerhalb von uns liegt, außerhalb der Kirche und ihrer Institutionen (z.B. eines Lehramtes), ermöglicht das einen freien Zugang zu der Wahrheit. Es ist eine unendliche Erweiterung unserer Erkenntnismöglichkeiten. Wir können immer von neuem anfangen, unsere Erkenntnis zu erweitern und zu vertiefen. So ist die erkannte Wahrheit frei. Es gibt nicht Menschen, die der Wahrheit durch ihre Ämter oder Begabungen näher stünden als andere. Und sollten wir uns irren, können wir uns neu belehren lassen. Die Schrift ist also eine sehr dynamische Norm, die zur Freiheit führt. Sich an diese Norm zu halten, erfordert allerdings unseren inneren Mut. Denn – man darf nicht der Verlockung von anderen Kriterien und niedrigeren Autoritäten unterliegen. Das Studium der Schrift braucht auch sehr viel Zeit und Bildung. Die Bildung, die Entwicklung der Sprache – Muttersprache – war auch für Hus, ähnlich wie später für Luther, sehr wichtig. Es ist ja nichts Neues – die Bildung ist das beste Antibiotikum gegen Fundamentalismen und Intoleranz aller Art.

Jan Hus begründet die Freiheit noch anders allerdings: Ganz im Sinne der scholastischen Tradition spricht er von der Erwählung (Prädestination). Die Kirche ist eine Gemeinschaft der Erwählten. Aber wir wissen nicht, wer die Erwählten sind. Unter den Menschen in der Kirche sind viele Heuchler, unter den Menschen, die Jesus nur schlecht, oder gar nicht kennen, sind viele, die in seinen Fußtapfen gehen. Also – die Kirche muss so offen sein, dass jeder kommen könne. Und keine menschliche Macht – auch nicht die kirchliche – dürfe nach den Werken oder anderen äußeren Anzeichen letztgültig entscheiden, wer zur Kirche gehört und wer nicht.

Die Theologie und Philosophie von Jan Hus ist sehr spannend. Und zeigt sehr deutlich, dass eben die Pflege der eigentlichen Aufgabe der Christen und Kirche, nämlich der Suche nach der Wahrheit, sind inhärent sozial-politische Folgen. Es besteht ein inniger Zusammenhang zwischen der echten Theologiearbeit und der ethischen Verantwortung. Sowohl Hus, als auch andere Reformatoren bemühten sich nicht nur um Reform der Kirche, aber diese Reform bedeutete auch Reformen in der Gesellschaft. Wir wollen allerdings nicht verschweigen, dass es in der Reformationszeit auch viele unselige Folgen hatte. Bis heute gibt es Menschen, die das Christentum ablehnen wegen dieser unseligen Geschichte der Intoleranz, Spaltungen und des Verbandes mit den Reichen und Mächtigen dieser Welt.

Wenn von Wahrheit geredet wird, vielleicht besonders in der Kirche, meint man, dass es irgendwann doch zur Intoleranz führt. Entweder seist du mit uns – oder gegen uns. Die Intoleranz den Andersdenkenden gegenüber, denjenigen, die anders glauben, die andere Wahrheit vertreten, ist manchmal sehr groß. Heutzutage wird natürlich viel darüber diskutiert, ob es eben nicht gerade die Religionen sind, die die Intoleranz erzeugen und anheizen. Ob es also nicht besser wäre, die Religionen aus dem öffentlichen Raum ganz ins Private zu entfernen.

Ich denke, eben das können wir von dem Hussens Wahrheitsverständnis und von seiner leidenschaftlichen Suche nach der Wahrheit lernen: Wir wollen es nicht verschweigen, wir Christen haben in der Geschichte, und auch in der Gegenwart ganz schlimmes verursacht. Aber – das gehört nicht zum Wesen unserer Religion. Das kann man an Jesus veranschaulichen. Er hat die Andersdenkende, ganz fremde zu seinem Tisch eingeladen. Ein Kollaborant Namens Levi war z.B. unter ihnen. Jesus macht gesund, und macht gesund nicht nur die seinen Glaubensgenossen, sondern auch die Tochter einer kanaanäischen Frau. Er macht gesund den Diener eines römischen, nicht-jüdischen Hauptmanns. Das Beispiel der Nächstenliebe ist nicht Jude – sondern ein Samariter. Jesus reist, wie später seine Jünger, hin und her und zieht keine Grenze zwischen den „unseren“ und den „anderen“, fremden. Er verteidigt die Frau, die gerade die besonders Gläubige und Gerechte aus dem Volk Jesu verurteilen und steinigen wollen (J 8,3nn). Er ruft zur Solidarität mit den Armen, Hungrigen, Kranken. Er sendet seine Jünger, auch die Entfernte einzuladen und ihnen diese Wahrheit Gottes zu bezeugen, und versucht nicht, diese Wahrheit für sich selbst in aller Reinheit zu behalten und vor jeder Verschmutzung zu behüten. Diejenigen, die so etwas wollen, erfahren Jesu Intoleranz und Zorn.

Für Hus war es klar: Das Modell für die Kirche ist die Wahrheit, Armut und Dienst Jesu Christi. Nach seiner Gestalt müsse sich die Kirche immer aufs neue re-formieren, erneuen lassen. „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.” Es geht also darum, um diese Wahrheit zu ringen.

Denn es geht dabei um nicht weniger, als um die Freiheit. Viele Leute in unserem Lande vermeiden jede Religion und Kirchen, weil sie der Meinung sind, dadurch wird man in seiner Freiheit eingeschränkt. Der Raum wird durch verschiedene Vorschriften und Traditionen sehr eng gemacht. Ach, wie viel Schaden wurde Menschen durch Gesetzlichkeit und Moralismus gerade in den evangelischen Kirchen angetan! Für Hus war die erkannte Wahrheit dagegen eine echte Befreiung. Keine fremde Autorität mehr, keine Angst vor Menschen, sogar vor einem Konzil und dem Tode nicht mehr. Es ist wirklich befreiend die Schriften von Hus zu lesen und diese Freiheit mit ihm zu erleben. Im Unterschied zu den unmöglichsten Sachen, an die Menschen heutzutage glauben, um ein bisschen innere Sicherheit zu erreichen, ist es für Hus eben die Wahrheit Jesu, die zur Liebe befreit.

Und diese Liebe muss konkretisiert werden. Für die alte Bruderunität war das eindeutig das Leben in konkreter Gemeinschaft, in der Gemeinde. Im Zusammenleben konkreter Kommunität bewährt sich, ob es um eine echte Liebe geht. Die Wahrheit ist nicht nur eine innere Anschauung, sondern sie bewährt sich im konkreten Zusammenleben mit anderen Mitmenschen.

Und hier könnte uns Jan Hus vielleicht noch eine Inspiration liefern. Er hat immer wieder betont, dass er sich von jedem Menschen durch die von diesem Menschen erkannte Wahrheit belehren lasse. Wenn es um Wahrheit geht, muss es und kann also auch ganz heftig gestritten werden. (Wie wir wissen, das konnten die Reformatoren meistens sehr gut.) Wir haben das jetzt sehr oft wiederholt, aber vielleicht müssen wir das immer wieder lernen: Die Wahrheit ist doch nicht die unsere Wahrheit. Es ist nicht unser Eigentum, und noch mehr – „unser Wissen ist Stückwerk” (1Kor 13,9). Wir müssen auf der erkannten Wahrheit nicht um jeden Preis beharren. Christen kennen doch die Busse. Eine Änderung des Lebens, die Umkehr, Erneuerung. Weil wir glauben und wissen, dass die Wahrheit in Christus ist, ja er selbst ist die Wahrheit. Und diese Wahrheit kann man nicht verbrennen, diese Wahrheit siegt, ist stärker als Tod.

Das hat ja ganz konkrete Konsequenzen. Jan Hus hat bis zum letzten Tag geglaubt, dass er von dieser Wahrheit mit dem Konzil diskutieren würde, also einen Dialog führen würde. Er glaubte nicht an totalitäre Strukturen, den status quo. Aber da hatte er sich geirrt. Das Konzil und damalige politische Repräsentanten waren nicht an solchen offenen dialogischen Strukturen der Kirche und Gesellschaft interessiert.
Leider muss man sagen, die Reformation hat diese Frage auch nicht zur vollen Zufriedenheit gelöst. Spätestens seit den Reformationszeiten kennen wir nämlich die Geschichte der unzähligen Spaltungen. Die Einheit der Kirche ist zum Problem geworden.

Wir wissen sehr wohl, dass die Spaltung – Uneinheit der Kirchen eine von den größten Barrieren für ein glaubwürdiges Zeugnis der Christen in der Welt bedeutet. Viele denken eben dabei, das Ringen um eine Wahrheit, ja die Wahrheit selbst führt fast automatisch zu Spaltungen. Aber – man kann das eben auch anders sehen. Jan Hus inspiriert uns zum Dialog über die Wahrheit. Zur gemeinsamen Suche nach der Wahrheit. Es geht nicht um eine Relativierung der Wahrheit, um Kompromisse. Wenn wir vielleicht der Meinung sind, es wäre am besten, wenn wir die unsere Wahrheit für uns behalten, und die Nachbaren wieder die ihre Wahrheit – das ist die echte Relativierung der Wahrheit. Wir sind zur Suche nach Einheit nicht nur eingeladen, sondern durch Jesus geradezu aufgefordert. Gerade die moderne ökumenische Bewegung lehrt uns, wie sehr es sich lohnt, dialogische, und nicht monologische Strukturen aufzubauen, offen für andere zu sein, statt nur für sich, „unter uns“ zu bleiben. Lehrt uns nicht die ökumenische Erfahrung, dass der Andere, unser Nachbar, für uns nicht immer eine Bedrohung darstellt, sondern eher eine Bereicherung? Sind die Gaben der Anderen nicht auch für uns eine Bereicherung, oder haben wir alleine alle Gaben? Davon weiß man schon ganz viel in der ökumenischen Arbeit, Gott sei Dank dafür. Es ist, denke ich, ein Zeichen davon, dass die echte Wahrheit nicht unbedingt zu Spaltungen, sondern zum Dialog und einem guten Zusammenleben führt.

Ist diese Erfahrung der Kirchen und einzelnen Gemeinden und Christen, nicht zugleich auch eine Inspiration für unsere Gesellschaft und Welt? Die Wahrheit, die uns zur Offenheit für andere befreit, weil wir wissen, dass es nicht „unsere“ Wahrheit, sondern Wahrheit Christi ist. Und diese Wahrheit, die uns bis zum letzten Tag begleiten wird, sind wir Christen berufen, mit einem konkreten Inhalt zu füllen. Mit Jan Hus gesagt – nach dem erkannten Gesetz Christi zu leben. Ich denke, es ist gerade lebensnotwendig für das Zusammenleben in einer pluralen, freien, demokratischen, sozial verantwortlichen Gesellschaft, in der sowohl Menschen leben, die die Wahrheit lieben und volles Vertrauen zu ihr haben, als auch Menschen, die diese Wahrheit und Liebe noch nicht erkannt haben. Denen sind wir allerdings diese Liebe schuldig. In dem vollen Vertrauen, dass die Wahrheit Gottes siegt. “Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.”

Ladislav Benes

Advertisements